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Microsoft Purview · Data Lifecycle Management

Löschen. Löschen. Löschen.
Und Archivieren.

Alle reden über KI, Informationssicherheit und digitale Souveränität. Dabei fragt kaum jemand: Was passiert eigentlich mit den Daten, die wir nicht mehr brauchen? Ein Leitfaden für den modernen Arbeitsplatz mit Microsoft 365, Purview und Copilot.

  • ✎ Julian Kusenberg
  • ◷ ca. 15 Min. Lesezeit
  • ✦ Stand: September 2026

Das vergessene Ende des Lebenszyklus.

Im modernen Arbeitsplatz entstehen täglich unzählige Informationen. Dokumente landen in SharePoint, Dateien in OneDrive, Nachrichten in Microsoft Teams und E-Mails in Exchange. Mit Microsoft 365 Copilot kommen jetzt auch noch KI-Interaktionen hinzu.

Unternehmen investieren viel Energie, um neue Informationen zu schützen. Mit dem Ende ihres Lebenszyklus beschäftigen sie sich dagegen oft viel zu wenig. Die Folge: Daten bleiben jahrelang liegen, veraltete Dokumente tauchen in Suchergebnissen auf und unnötige Datenbestände vergrößern die Auswirkungen eines Sicherheitsvorfalls.

⚖RechtAufbewahren vs. Löschen

DSGVO, HGB und AO stellen gegensätzliche Anforderungen. Beides muss zusammenpassen.

✦KICopilot braucht gute Daten

Veraltete Inhalte verschlechtern Antworten. Data Governance wird zur KI-Voraussetzung.

⚙TechnikPurview in der Praxis

Retention Policies, Retention Labels und was „gelöscht“ in jedem Dienst wirklich bedeutet.

01Archivierung ist nicht gleich Backup

Bevor wir über das Löschen sprechen, müssen wir zwei Begriffe auseinanderhalten, die in der Praxis ständig verwechselt werden. Beide bewahren Informationen auf, verfolgen aber völlig unterschiedliche Ziele.

↺BackupWenn etwas schiefgeht

Stellt Daten nach Verlust, Beschädigung oder Cyberangriff wieder her. Ziel: Verfügbarkeit und Wiederherstellbarkeit eines früheren Zustands.

▣ArchivWenn Informationen langfristig gebraucht werden

Bewahrt gezielt und geordnet auf: für steuerliche Pflichten, spätere Nachweise oder unverändert zu erhaltende Dokumente.

✕LöschkonzeptWenn Informationen gehen müssen

Regelt, wann Daten ihren Zweck erfüllt haben und nachvollziehbar entfernt werden.

Wichtig: Archivierte Daten müssen nicht zwangsläufig in ein externes System verschoben werden. Microsoft Purview bewahrt Inhalte direkt dort auf, wo sie liegen, und hält bei Bedarf geschützte Kopien vor. Microsoft nennt das Aufbewahrung „in place“.

Und was ist mit Microsoft 365 Archive?

Mit Microsoft 365 Archive lassen sich inaktive SharePoint-Websites und Dateien in eine kostengünstigere „kalte“ Speicherebene verschieben. Die Inhalte bleiben dabei innerhalb von SharePoint, Berechtigungen und Metadaten bleiben erhalten, und Compliance-Funktionen wie eDiscovery und Retention Labels gelten weiter.

ⓘ Gut zu wissen

Das Archivieren einer SharePoint-Website ist noch kein revisionssicheres Archivierungskonzept. Aufbewahrungsregeln, Berechtigungen und Nachweise müssen weiterhin sauber definiert sein. Außerdem wird Microsoft 365 Archive nutzungsbasiert über Pay-as-you-go abgerechnet.

Ein Backup ersetzt kein Archiv. Ein Archiv ersetzt kein Backup. Und beides ersetzt kein Löschkonzept.

02Löschen! Warum muss ich eigentlich löschen?

„Vielleicht brauchen wir das ja nochmal.“ Genau diese Denkweise lässt in vielen Unternehmen über Jahre riesige Datenbestände entstehen. Unbegrenztes Speichern ist aber weder rechtlich noch organisatorisch noch sicherheitstechnisch sinnvoll.

Löschen ist eine gesetzliche Verpflichtung

Der Grundsatz der Speicherbegrenzung nach Art. 5 Abs. 1 lit. e DSGVO legt fest, dass personenbezogene Daten nicht länger gespeichert werden dürfen, als es für den Verarbeitungszweck erforderlich ist. Art. 17 DSGVO ergänzt das Recht auf Löschung, etwa wenn Daten für ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr notwendig sind oder eine Einwilligung widerrufen wurde.

Das heißt aber nicht, dass alles sofort nach Gebrauch verschwinden darf. Art. 17 Abs. 3 DSGVO nimmt ausdrücklich Fälle aus, in denen eine rechtliche Verpflichtung die Aufbewahrung verlangt. Und davon gibt es in Deutschland einige: § 257 HGB und § 147 AO sehen unterschiedliche Aufbewahrungsfristen vor.

DokumentenartGrundsätzliche Frist
Handelsbücher, Inventare, Jahresabschlüsse, Lageberichte, Eröffnungsbilanzen10 Jahre
Buchungsbelege (seit 01.01.2025 durch das Vierte Bürokratieentlastungsgesetz verkürzt)8 Jahre
Empfangene Handels- und Geschäftsbriefe sowie Wiedergaben der abgesandten6 Jahre
⚠ Achtung, Ausnahmen

Für Kreditinstitute, Versicherungsunternehmen und Wertpapierinstitute bleibt es bei Buchungsbelegen bei zehn Jahren. Die Fristen beginnen jeweils mit dem Schluss des Kalenderjahres, in dem die Unterlage entstanden ist. Und nach § 147 Abs. 3 AO läuft die Frist nicht ab, solange die Unterlagen für Steuern von Bedeutung sind, deren Festsetzungsfrist noch nicht abgelaufen ist, etwa bei laufenden Betriebsprüfungen.

Unternehmen müssen also zwei Anforderungen miteinander vereinbaren: Informationen so lange aufbewahren, wie eine Pflicht oder ein anderer zulässiger Zweck besteht. Und personenbezogene Daten löschen, sobald diese Grundlage entfällt. Ein durchdachtes Lösch- und Aufbewahrungskonzept schafft genau dafür die Regeln.

Löschen ist auch eine Sicherheitsmaßnahme

Stellen wir uns vor, ein Unternehmen speichert seit 15 Jahren sämtliche Projektdokumente in SharePoint. Ein Großteil wird längst nicht mehr gebraucht. Manches enthält personenbezogene Daten, alte Zugangsinformationen oder vertrauliche Geschäftsunterlagen.

Wird ein Benutzerkonto kompromittiert, sind auch diese historischen Informationen betroffen, sofern das Konto darauf zugreifen kann. Das Risiko entsteht also nicht nur durch die Daten, mit denen wir heute arbeiten. Es entsteht auch durch die Daten, die wir längst vergessen haben.

Was nicht mehr vorhanden ist, kann auch nicht mehr entwendet werden.

Das gilt natürlich nur, wenn die Informationen tatsächlich gelöscht wurden und nicht in anderen Speicherorten, Kopien oder Aufbewahrungsbereichen weiterleben. Genau dafür ist Microsoft Purview Data Lifecycle Management gedacht: aufbewahren, was nötig ist, und löschen, was nicht mehr gebraucht wird.

03Löschen, um die KI zu verbessern: Alte Daten müssen weg!

Mit Microsoft 365 Copilot bekommt der Datenlebenszyklus eine ganz neue Bedeutung. Früher wurden veraltete Informationen erst zum Problem, wenn jemand gezielt danach gesucht hat. Heute kann eine KI alle Inhalte in ihre Antworten einbeziehen, auf die der jeweilige Benutzer Zugriff hat.

Vor drei JahrenNeue Reisekostenrichtlinie

Die aktuelle Version liegt sauber im zentralen SharePoint.

SeitdemAlte Version lebt weiter

Kopien in mehreren Projektordnern, nie gelöscht.

Heute„Copilot, was gilt bei Reisekosten?“

Bei passender Berechtigung kommen auch die alten Dokumente als Grundlage infrage.

Welche Inhalte Copilot tatsächlich heranzieht, hängt von Anfrage, Berechtigungen und Datenquelle ab. Garantiert ist nicht, dass immer nur die neueste Version berücksichtigt wird. Die eigentliche Herausforderung liegt also nicht bei der KI. Sie liegt in der Qualität und Organisation der Unternehmensdaten.

Data Governance wird zur Voraussetzung für gute KI-Ergebnisse

Wer KI erfolgreich einführen will, muss seine Informationsbestände ehrlich hinterfragen:

  • Sind die gespeicherten Informationen noch aktuell?
  • Gibt es mehrere, sich widersprechende Versionen?
  • Welche Dokumente sind für die tägliche Arbeit relevant?
  • Was sollte nur noch archiviert werden?
  • Und welche Informationen brauchen wir überhaupt nicht mehr?

Nicht jede alte Information ist automatisch falsch oder wertlos. Eine historische Vertragsversion kann als Nachweis sehr wichtig sein, sollte aber nicht mit dem aktuellen Vertragsmuster verwechselt werden. Deshalb brauchen wir drei unterschiedliche Maßnahmen:

LöschenNicht mehr benötigt

Zweck entfallen, keine Aufbewahrungspflicht: weg damit.

AufbewahrenPflicht besteht

Aufbewahrungspflichtige Dokumente bleiben erhalten, bis die Frist abläuft.

ArchivierenGebraucht, aber nicht aktiv

Langfristig nötig, aber nicht mehr Teil des aktiven Wissensbestands.

✦ Praxistipp: Archive und Copilot

Laut Microsoft werden Inhalte in Microsoft 365 Archive nicht von Microsoft Copilot verwendet. Archivierte Websites sind für Benutzer erst nach einer Reaktivierung wieder zugänglich, während Purview-Suche und eDiscovery weiter funktionieren. Zusammen mit den Richtlinien zur Websitelebenszyklusverwaltung aus SharePoint Advanced Management lassen sich inaktive Websites so gezielt aus dem Copilot-Kontext nehmen, ohne Compliance-Anforderungen aufzuheben.

Eine universelle Lösung ist aber auch das nicht. Weitere Kopien, andere Datenquellen und eigenständig angebundene KI-Systeme müssen separat betrachtet werden. Eine gute KI-Strategie beginnt deshalb nicht beim Prompt. Sie beginnt bei den Daten.

04Wie lösche ich nun in Microsoft 365?

Kommen wir zum technischen Teil. Benutzer können Dateien in SharePoint entfernen, E-Mails löschen oder Teams-Nachrichten zurückziehen. Für ein unternehmensweites Löschkonzept reicht das nicht. Denn nur weil eine Information in einer App nicht mehr sichtbar ist, heißt das noch lange nicht, dass sie aus Microsoft 365 verschwunden ist. Genau hier kommt Microsoft Purview ins Spiel.

Microsoft Purview Data Lifecycle Management

Mit Retention Policies und Retention Labels definieren wir, wie lange Informationen aufbewahrt und wann sie gelöscht werden. Dabei gibt es drei grundlegende Aktionen:

▣Retain onlyNur aufbewahren

Für einen bestimmten Zeitraum oder unbegrenzt.

✕Delete onlyNur löschen

Automatisch nach einem festgelegten Zeitraum.

⇢Retain, then deleteAufbewahren, dann löschen

Erst für die definierte Dauer sichern, danach automatisch entfernen.

Diese Regeln lassen sich unter anderem für Exchange, SharePoint, OneDrive, Microsoft-365-Gruppen, Teams sowie für Copilot- und andere unterstützte KI-Interaktionen einrichten. Erstellt werden sie im Microsoft-Purview-Portal unter Data Lifecycle Management.

Retention Policies vs. Retention Labels

Retention PolicyRetention Label
Wirkt aufGanze Speicherorte: Websites, Postfächer, ChatsEinzelne Dokumente, E-Mails, Ordner oder Bibliotheken
Ideal fürEinheitliche Grundregeln für große DatenbereicheUnterschiedliche Regeln für unterschiedliche Dokumentenarten
VergabeZentral durch AdminsManuell durch Benutzer, als Standard für Bibliotheken und Ordner oder automatisch
Wandert mitNein, gilt nur im ContainerJa, bleibt am Element (innerhalb von Microsoft 365)
RecordsNeinJa, Kennzeichnung als Record möglich

Retention Policies spielen ihre Stärke bei der zentralen Verwaltung aus: eine Regel für einen ganzen Bereich, statt jedes Dokument einzeln zu betrachten. Doch was passiert, wenn auf derselben SharePoint-Website allgemeine Projektunterlagen und aufbewahrungspflichtige Rechnungen liegen? Eine einheitliche Löschfrist wäre hier ungeeignet.

Dafür gibt es Retention Labels. Die Rechnung erhält ein Label mit der passenden Aufbewahrungsfrist, für Projektunterlagen gilt eine kürzere Dauer. Labels können Benutzer manuell setzen, als Standard für Bibliotheken und Ordner hinterlegt oder unter den passenden Lizenzvoraussetzungen automatisch angewendet werden.

Retention Label ≠ Sensitivity Label

Sensitivity LabelWie wird die Information geschützt?

Klassifizierung, Verschlüsselung, Kennzeichnung, Zugriffsschutz.

Retention LabelWie lange wird die Information aufbewahrt?

Aufbewahrungsdauer, Löschzeitpunkt, Records, Disposition Review.

Ein Dokument kann also gleichzeitig als „Vertraulich“ klassifiziert sein und einer achtjährigen Aufbewahrung unterliegen. Beide Labels ergänzen sich, ersetzen sich aber nicht.

05Was bedeutet Löschen in den einzelnen Diensten?

Die Microsoft-365-Dienste löschen nicht alle gleich. Deshalb reicht es nicht, eine Richtlinie zu erstellen und davon auszugehen, dass alles sofort verschwindet. Wenn Inhalte unter Aufbewahrung stehen und bearbeitet oder gelöscht werden, landet eine Kopie in einem geschützten Bereich:

DienstHier landet die geschützte KopieGut zu wissen
SharePoint & OneDrivePreservation Hold LibraryZählt zum Speicherkontingent der Website
Exchange OnlineOrdner „Wiederherstellbare Elemente“Für Benutzer unsichtbar, per eDiscovery durchsuchbar
Teams, Copilot & KI-AppsVersteckter Ordner SubstrateHolds im Exchange-PostfachAuch ohne sichtbare Nachricht weiterhin vorhanden

SharePoint und OneDrive

Gelöschte Dateien landen zunächst im Papierkorb. Für regulär gelöschte Inhalte gilt ein Wiederherstellungszeitraum von insgesamt 93 Tagen über den ersten und zweiten Papierkorb hinweg. Werden Inhalte dort manuell entfernt, können sie auch früher endgültig verschwinden.

Unterliegt ein Dokument noch einer aktiven Aufbewahrungsregel, bewahrt SharePoint eine Kopie in der Preservation Hold Library auf. Für den Benutzer ist das Dokument dann weg, für Compliance-Zwecke aber weiterhin vorhanden. Erst wenn die Aufbewahrung abgelaufen ist, durchläuft auch diese Kopie den Löschprozess, inklusive zweitem Papierkorb.

Exchange Online

Löscht ein Benutzer eine E-Mail, wandert sie zunächst in „Gelöschte Elemente“. Dahinter liegt der Bereich Wiederherstellbare Elemente, in dem Nachrichten weiter aufbewahrt werden, solange Retention Policies, Labels oder Holds greifen. Erst wenn die Aufbewahrung abgelaufen ist und keine weitere Verpflichtung besteht, werden sie endgültig gelöscht.

ⓘ Archivpostfach ist kein Löschen

Das Exchange-Online-Archivpostfach lagert ältere E-Mails aus dem primären Postfach aus. Die Nachrichten bleiben aber erhalten. Microsoft empfiehlt, für Aufbewahrung und Löschung die Retention-Funktionen von Purview zu nutzen. Die älteren MRM-Richtlinien bleiben vor allem für das Verschieben ins Archivpostfach und für ordnerspezifische Einstellungen relevant.

Microsoft Teams

Bei Teams wird es besonders spannend, denn Nachrichten und Dateien werden getrennt verwaltet. Für Chat- und Kanalnachrichten gibt es eigene Retention Policies, deren Aufbewahrungsdauer immer mit der Erstellung der Nachricht beginnt.

#Dateien in KanälenLiegen in SharePoint

Es gelten die Regeln der Team-Website bzw. der Microsoft-365-Gruppe.

@Dateien in ChatsLiegen in OneDrive

Im OneDrive der Person, die sie geteilt hat. Besprechungsaufzeichnungen aus Chats liegen im OneDrive der organisierenden Person.

⚠ Typischer Denkfehler

Eine Richtlinie, die Teams-Chats nach zwölf Monaten löscht, entfernt nicht automatisch die darin geteilten Dateien. Die dahinterliegenden Speicherorte müssen im Löschkonzept separat berücksichtigt werden.

06Und was passiert mit Microsoft 365 Copilot?

Mit Copilot entsteht eine ganz neue Kategorie von Informationen, die in klassischen Löschkonzepten oft noch fehlt. Benutzer schreiben Prompts und erhalten Antworten, oft mit vertraulichen oder personenbezogenen Inhalten. Die Frage lautet also: Wie lange sollen diese Interaktionen aufbewahrt werden?

Microsoft Purview kann dafür Aufbewahrungsrichtlinien für Prompts und Antworten anwenden. Die Interaktionen werden für Compliance-Zwecke in einem versteckten Ordner im Exchange-Postfach des jeweiligen Benutzers gespeichert und sind dort per eDiscovery durchsuchbar.

Eigene Speicherorte für Copilot und KI-Apps

Früher liefen Copilot-Interaktionen im gemeinsamen Speicherort „Teams chats and Copilot interactions“. Inzwischen trennt Microsoft das. Neue Richtlinien bieten drei eigene Speicherorte:

✦Microsoft Copilot experiencesMicrosofts eigene Copilots

Microsoft 365 Copilot, Security Copilot, Copilot in Fabric, Copilot Studio.

◎Enterprise AI appsAngebundene Unternehmens-KI

Z.B. Entra-registrierte KI-Apps, ChatGPT Enterprise, Microsoft Foundry.

↗Other AI appsWeitere KI-Dienste

Z.B. ChatGPT, Google Gemini oder DeepSeek.

Für Enterprise AI apps und Other AI apps ist zusätzlich eine Collection Policy nötig, die die Inhalte erfasst. Je nach Szenario kommen Lizenz- und Pay-as-you-go-Voraussetzungen hinzu. Bestehende Richtlinien für den alten, gemeinsamen Speicherort funktionieren weiter, lassen sich aber nicht mehr bearbeiten.

Ein Unternehmen könnte zum Beispiel festlegen, Copilot-Interaktionen 90 Tage aufzubewahren und dann zu löschen. Diese Dauer ist aber weder gesetzliche Vorgabe noch Microsoft-Standard. Sie muss aus dem eigenen Löschkonzept abgeleitet werden, unter Berücksichtigung von Informationssicherheit, Datenschutz und möglichen internen Untersuchungen.

Chat gelöscht. Sind die Daten jetzt wirklich weg?

Nicht unbedingt. Wenn ein Benutzer einen Copilot-Chat löscht, können die für Compliance gespeicherten Interaktionen weiterhin vorhanden sein, sofern Aufbewahrungsregeln oder Holds greifen. Microsoft weist ausdrücklich darauf hin, dass die in der KI-App sichtbaren Nachrichten kein zuverlässiger Indikator sind. Ob Compliance-Anforderungen erfüllt sind, prüft man mit eDiscovery, nicht mit einem Blick in den Chatverlauf.

✦ Zwei Datenkategorien, zwei Regelwerke

Das Löschen einer Copilot-Interaktion löscht nicht die SharePoint-Dokumente, die Copilot für seine Antwort genutzt hat. Umgekehrt lassen sich Dateien, auf die Copilot in einer Antwort verweist, per automatisch angewendetem Retention Label für Cloud-Anhänge gezielt in der Version aufbewahren, die zum Zeitpunkt der Interaktion bestand. Ein vollständiges Löschkonzept betrachtet beides.

07Warum löscht meine Retention Policy nicht?

Ein Klassiker aus der Praxis: Die Löschrichtlinie ist konfiguriert, und trotzdem sind bestimmte Inhalte noch da. Der wichtigste Grund sind die Prinzipien der Aufbewahrung, die Microsoft Purview bei Konflikten anwendet:

  1. Aufbewahrung schlägt Löschung

    Solange irgendeine Regel oder ein eDiscovery Hold aufbewahren will, wird nicht endgültig gelöscht.

  2. Der längste Aufbewahrungszeitraum gewinnt

    Löscht eine Policy nach drei Jahren, während ein Label acht Jahre aufbewahrt, bleibt das Dokument acht Jahre erhalten.

  3. Explizit schlägt implizit

    Die Löschaktion eines Retention Labels hat Vorrang vor der Löschaktion einer Retention Policy.

  4. Der kürzeste Löschzeitraum gewinnt

    Bleibt danach noch ein Konflikt zwischen Policies, wird zum frühesten Zeitpunkt gelöscht.

Für echte Ausnahmefälle, etwa bei Datenpannen oder Datenschutzanfragen, gibt es mit Priority Cleanup eine gesonderte Funktion. Sie kann Aufbewahrungsregeln und sogar eDiscovery Holds übersteuern, erfordert dafür aber mehrere Genehmigungen, spezielle Rollen und wird vollständig auditiert. Als Records gekennzeichnete Inhalte sind ausgenommen. Mit dem regulären Löschprozess hat das nichts zu tun.

Löschen braucht Zeit

Hinzu kommt: Retention Policies werden von Hintergrundprozessen verarbeitet, nicht auf die Minute genau. Eine Retention Policy garantiert nicht, dass eine Datei um Mitternacht am Tag des Fristablaufs aus allen Systemkomponenten verschwunden ist.

DienstWas passiert im Hintergrund
SharePoint & OneDriveTimer-Job läuft bis zu sieben Tage. Kopien in der Preservation Hold Library können bis zu 37 Tage bis zur Löschung brauchen, danach folgt der zweite Papierkorb mit 93 Tagen.
Exchange OnlineDer Managed Folder Assistant verarbeitet Postfächer regelmäßig, ebenfalls typischerweise innerhalb von sieben Tagen.
Copilot & KI-AppsTimer-Job läuft in der Regel alle ein bis sieben Tage, danach mindestens ein Tag im Ordner SubstrateHolds bis zur endgültigen Löschung.

Für Löschkonzepte heißt das: Wir sollten zwischen dem fachlichen Löschzeitpunkt, dem Ende der Aufbewahrungsfrist und der tatsächlichen technischen Durchführung unterscheiden und das auch so dokumentieren.

08Wie sieht ein sinnvolles Lösch- und Archivierungskonzept aus?

Die technische Konfiguration einer Retention Policy sollte nie der erste Schritt sein. Zuerst müssen wir verstehen, welche Informationen überhaupt vorhanden sind und welche Anforderungen dafür gelten.

  1. Bestand verstehen

    Welche Daten liegen wo? Wer ist fachlich verantwortlich? Welche Aufbewahrungsfristen und Ausnahmen gelten?

  2. Kategorisieren

    Aktiv genutzt bleibt im Arbeitsbereich. Nicht mehr aktiv, aber benötigt, wird archiviert. Zweck entfallen und keine Pflicht mehr: wird gelöscht.

  3. Technisch umsetzen

    Retention Policies für die Grundregeln großer Bereiche, Retention Labels für die differenzierte Behandlung einzelner Dokumente, Records Management für Records und Nachweise.

  4. Kontrolliert löschen

    Mit der Disposition Review prüfen berechtigte Personen anstehende Löschungen, bevor sie endgültig ausgeführt werden. Das Ergebnis ist nachweisbar dokumentiert.

  5. Über den Tellerrand schauen

    Fachanwendungen, lokale Systeme, Backups und externe Archive gehören genauso ins Konzept. Purview steuert nur, was es unterstützt und was eine Richtlinie tatsächlich erfasst.

⚠ Nicht einfach einschalten und hoffen

Wer eine neue Löschrichtlinie in einer bestehenden Umgebung aktiviert, sollte wissen: Viele Inhalte sind vermutlich schon älter als die konfigurierte Dauer. Eine Richtlinie „drei Jahre nach Erstellung löschen“ kann auf einen Schlag große Teile des Bestands erfassen.

Deshalb: Auswirkungen vorab analysieren, bestehende Aufbewahrungspflichten prüfen, in einem Pilotbereich testen und erst dann breit ausrollen. Besonders, wenn sich mehrere Policies, Labels oder eDiscovery Holds überschneiden. Ein Löschkonzept muss nicht nur funktionieren. Es muss auch nachvollziehbar sein.

Übrigens: Eine pauschale Empfehlung wie „SharePoint nach drei Jahren löschen“ geben wir hier bewusst nicht. Fristen hängen vom Dokumententyp und vom Verarbeitungszweck ab, nicht davon, ob etwas in SharePoint, Exchange oder Teams liegt.

Wie löscht ihr?

Habt ihr schon ein Löschkonzept für Copilot-Interaktionen? Oder kämpft ihr noch mit 15 Jahren SharePoint-Altlasten? Erzählt uns in den Kommentaren, welche Hürden ihr in der Praxis erlebt.

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